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Nahwärme vom Nachbarn: Kleine Netze, großer Nutzen

Es muss nicht immer riesig sein: Wenn von Nahwärme die Rede ist, dann denken viele an ein großes Netz für ganze Straßenzüge oder einen kompletten Ortsteil. Doch auch kleinere Lösungen haben ihren Charme - und sie sind meist einfacher umzusetzen. Eine dieser nachbarschaftlichen Initiativen ist die Biomasse-Heizung von Matthias Schlee in Bernstein am Wald. Mitten im Frankenwald hat der Heizungsbauer im vergangenen Jahr insgesamt sechs Gebäude an sein Hackschnitzel-Heizwerk angeschlossen.

Für Arnold Löhner kam die Nahwärme im vergangenen Jahr wie gerufen. Im Keller seines Wohnhauses am Galgenberg im Schwarzenbacher Ortsteil Bernstein drohten dem ehemaligen Sparkassen-Filialleiter gleich mehrere Baustellen: Die Ölheizung war in die Jahre gekommen, und eine Sanierung der Öltanks hätte auch dringend angestanden. Als Löhner dann hörte, dass sein Nachbar plant, einige der umliegenden Gebäude mit einer gemeinsamen Heizung zusammenzuschließen, bekundete er sofort sein Interesse. Heizen mit klimafreundlichen Hackschnitzeln, weg vom Öl und keine Scherereien mehr mit dem alten Heizkessel - das klang für den Rentner nach einer guten Lösung. Und weil es sich bei dem Nachbarn um einen Fachmann handelte, war auch das Vertrauen von Anfang an gegeben.

Matthias Schlee, Heizungsbauer in dritter Generation, hatte zunächst nur geplant, seine ehemalige Werkstatt und die umliegenden Wohngebäude, alle im Familienbesitz, mit einer gemeinsamen Hackschnitzelheizung zu versorgen. Die 100 Meter lange Wärmeleitung zu seinem Nachbarn war aber keine große Sache. Und nun hängen seit Oktober vergangenen Jahres insgesamt sechs Liegenschaften an der Heizzentrale, in der Holzhackschnitzel und Pellets selbst im tiefsten Winter für wohlige Wärme sorgen. Der Brennstoff muss dafür nicht kilometerweit transportiert werden, denn die Hackschnitzel liefert ein benachbarter Landwirt. Viel besser könnte die Ökobilanz also gar nicht sein. Insgesamt 250-280 Schüttraummeter dürfte das Netz im Jahr benötigen, schätzt Schlee.

 

Einfachere Planung, schnellere Umsetzung

Diese Mengen sind für Jörg Ermert, Geschäftsführer der Forstwirtschaftlichen Vereinigung Oberfranken in Scheßlitz, zwar eher „Peanuts“, denn meist kümmert er sich um größere Einheiten. Doch auch diese kleinen, nachbarschaftlichen Initiativen sind seiner Ansicht nach eine gute Möglichkeit, das nachwachsende Energieholz aus den oberfränkischen Wäldern direkt vor Ort zu nutzen. In dieselbe Kerbe schlägt auch die Energieagentur Oberfranken. Kleine Netze mit einer überschaubaren Zahl an Abnehmern sind in der Regel einfacher zu planen und schneller zu bauen als große, oft mehrere Kilometer lange Wärmenetze für ganze Ortschaftenl. Gerade wo solche großen Netze gar nicht zur Diskussion stehen, ist eine nachbarschaftliche Lösung ein wirksames Mittel für mehr Klimaschutz beim Heizen. Darüber hinaus ist es in dieser Konstellation für viele Haushalte überhaupt erst möglich, mit erneuerbaren Energien zu heizen. Ein Hackschnitzelkessel zum Beispiel macht in einem kleinen Einfamilienhaus selten einen Sinn. Mit dem Anschluss an eine gemeinschaftliche Lösung wird das aber möglich. Zugleich profitiert man von der größeren Effizienz einer solchen Anlage und muss sich nicht mehr um alles selber kümmern. Das stärkt letztlich auch den nachbarschaftlichen Zusammenhalt.

 

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Heizungsbauer Matthias Schlee erklärt seinem Nachbarn Arnold Löhner, wie die Biomasse-Nahwärme über den Verteiler in sein Haus gelangt.

 

Solare Wärme unterstützt zusätzlich

Den Komfortgewinn spürt Arnold Löhner schon sehr deutlich: Der Heizkessel ist aus seinem Keller verschwunden, der Tankraum kann für andere Zwecke genutzt werden, und die Übergabestation, die die Wärme aus dem Netz in seinem Haus verteilt, verrichtet ihren Dienst, ohne dass sich jemand groß kümmern muss.

Bislang, so Betreiber Matthias Schlee, hat in seinem kleinen Wärmenetz alles bestens funktioniert. Die ersten Sonnenstrahlen im Februar haben sogar dafür gesorgt, dass die Wärme vom Solarkollektor auf dem Dach seines Wohnhauses ins Netz eingespeist werden konnte. So profitierte auch sein Nachbar von der Sonne - obwohl er gar keinen eigenen Kollektor besitzt.

 

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Freuen sich über die gelungene Umsetzung des Nahwärmeprojekts: Iris Götting-Henneberg vom Bayerischen Waldbesitzerverband, Jörg Ermert von der Fortswirtschaftlichen Vereinigung Oberfranken, Wärmekunde Arnold Löhner und Heizungsbauer Matthias Schlee aus Bernstein sowie Uwe Täuber und Harald Kiessling vom Hersteller Windhager (vlnr.).

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